Kapitel 1 von 15
Der Rettungsdienst im System der Gefahrenabwehr
1.1 Was ist Gefahrenabwehr?
Gefahrenabwehr ist der Oberbegriff für alle staatlichen und gesellschaftlichen Maßnahmen, die darauf abzielen, Gefahren für Leben, Gesundheit, Umwelt und Sachwerte abzuwehren oder zu vermindern. In Deutschland ist die Gefahrenabwehr eine öffentliche Aufgabe, die auf verschiedene Organisationen und Behörden verteilt ist.
Grundsätzlich unterscheidet man grob zwischen zwei großen Bereichen:
| Bereich | Zuständigkeit | Typische Organisationen |
|---|---|---|
| Polizeiliche Gefahrenabwehr | Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung | Polizei, Ordnungsamt |
| Nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr | Rettung von Menschenleben, technische Hilfe, Brandschutz | Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz |
Grundprinzipien der Gefahrenabwehr
Das deutsche System der Gefahrenabwehr basiert auf einigen Grundprinzipien, die Sie als zukünftige Führungskraft kennen müssen:
Subsidiaritätsprinzip: Aufgaben werden von der niedrigsten zuständigen Ebene wahrgenommen. Übergeordnete Ebenen handeln nur, wenn die untere Ebene strukturell nicht in der Lage ist, die Aufgabe zu erfüllen - nicht erst bei einzelnem Kapazitätsengpass. Beispiel: Der Rettungsdienst als Kreisaufgabe (§ 6 RettG NRW) wird erst bei dauerhafter struktureller Überforderung auf Landesebene (Katastrophenschutz) gehoben. Vorübergehende Engpässe werden durch überörtliche Amtshilfe benachbarter Kreise aufgefangen - ein verwandtes, aber davon zu trennendes Instrument.
Hilfeleistungspflicht: Der Staat ist verpflichtet, Menschen in Not zu helfen. Diese Pflicht, die sich aus dem Grundgesetz ableitet, wird durch die Gesetze des jeweiligen Bundeslandes konkretisiert.
Einheitliche Führung: Bei gemeinsamen Einsätzen muss es eine koordinierende Führungsinstanz geben, um ein abgestimmtes Handeln aller Beteiligten zu gewährleisten (vgl. § 34 BHKG NRW oder § 38 LKatSG BW).
Verhältnismäßigkeit: Die eingesetzten Mittel müssen verhältnismäßig zur Gefahr sein. Keine Überreaktion, aber auch keine Unterreaktion.
🟡 MERKSATZ Gefahrenabwehr ist Teamarbeit – keine Organisation kann allein alle Lagen bewältigen. Wer das versteht und verinnerlicht, wird eine bessere Führungskraft. |
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BOS – Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben
Der Begriff BOS fasst alle Behörden und Organisationen zusammen, die an der Gefahrenabwehr beteiligt sind. Ein Überblick:
| Organisation | Träger | Kernaufgabe |
|---|---|---|
| Feuerwehr (BF/FF) | Kommunen | Brandschutz, technische Hilfeleistung |
| Rettungsdienst | Kreise / kreisfreie Städte | Notfallrettung, Krankentransport |
| Polizei | Bundesland / Bund | Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung |
| THW (Technisches Hilfswerk) | Bund | Technische Hilfe im In- und Ausland |
| DRK / MHD / JUH / ASB / DLRG | Private Träger (Hilfsorganisationen) | Rettungsdienst, Katastrophenschutz, Betreuung, Wasserrettung |
| Bundeswehr | Bund | Landesverteidigung, Amtshilfe im Katastrophenschutz |
1.2 Struktur des Rettungsdienstes in Deutschland
Der Rettungsdienst in Deutschland ist Ländersache. Das bedeutet: Jedes Bundesland regelt seinen Rettungsdienst durch ein eigenes Gesetz (z. B. das Rettungsgesetz NRW – RettG NRW). Es gibt deshalb in Deutschland 16 unterschiedliche Rettungsdienst-Systeme, die sich in Details unterscheiden, aber einem gemeinsamen Grundprinzip folgen.
Der föderale Aufbau
Die Zuständigkeiten sind klar gegliedert:
| Ebene | Aufgabe im Rettungsdienst |
|---|---|
| Bundesebene | Rahmengesetze (z. B. Grundgesetz, Zivilschutzgesetz): keine direkte Zuständigkeit für Rettungsdienst |
| Landesebene | Rettungsdienstgesetze (z. B. RettG NRW), Mindeststandards, Qualifikationsanforderungen |
| Kreisebene / Kreisfreie Stadt | Aufgabenträger des Rettungsdienstes: plant, finanziert und kontrolliert den Rettungsdienst |
| Durchführungsebene | Feuerwehren, Hilfsorganisationen, private Anbieter: Operativer Betrieb des Rettungsdienstes |
✅ MERKHILFE MERKHILFE: Der Träger plant, finanziert, kontrolliert. Der Durchführer fährt, behandelt, rettet. |
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Ärztliche Leitung Rettungsdienst (ÄLRD)
Die Ärztliche Leitung Rettungsdienst (ÄLRD) ist eine besondere Funktion im deutschen Rettungsdienst. Die ÄLRD ist dem Rettungsdienstträger gegenüber verantwortlich für die medizinische Qualität des Rettungsdienstes. Sie legt medizinische Standards fest, überwacht die Qualität und ist Bindeglied zwischen ärztlicher und nichtärztlicher Welt im Rettungsdienst.
Zu den Aufgaben der ÄLRD gehören unter anderem:
Erlass von Behandlungsstandards (SAA und BPR)
Ausbildung und Fortbildung des nichtärztlichen Rettungsdienstpersonals
Qualitätssicherung und Auswertung von Einsätzen
Beratung des Rettungsdienstträgers in medizinischen Fragen
Regelung der Indikationen für den Einsatz von LNA und OrgL
Bedarfsplan und Hilfsfrist
Jeder Rettungsdienstträger ist gesetzlich verpflichtet, einen Bedarfsplan aufzustellen. Dieser Plan legt fest:
Zahl und Standorte der Rettungswachen
Anzahl der erforderlichen Rettungsmittel (RTW, KTW, NEF)
Qualitätsanforderungen
Maßnahmen und Planungen bei Großschadensereignissen (MANV)
Die Hilfsfrist ist die maximal zulässige Zeit zwischen dem Eingang eines Notrufes und dem Eintreffen des ersten Rettungsmittels am Einsatzort. In NRW beträgt diese Frist in der Regel 8 Minuten (abweichend je nach Gebietskörperschaft). Die Hilfsfrist ist ein zentrales Qualitätsmerkmal des Rettungsdienstes.
🔴 WICHTIG Für Schadensereignisse mit einer größeren Anzahl Verletzter oder Kranker muss der Träger des Rettungsdienstes laut RettG NRW ausreichende Vorbereitungen treffen und Leitende Notärzte sowie Organisatorische Leiter bestellen. Diese gesetzliche Verpflichtung ist der rechtliche Ursprung Ihrer zukünftigen Funktion! In anderen Bundesländern gelten ähnliche Regelungen. |
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1.3 Fahrzeuge und Ressourcen im Rettungsdienst
Als OrgL oder LNA müssen Sie die Ressourcen kennen, mit denen Sie im Einsatz arbeiten werden. Nur wer weiß, was welches Fahrzeug kann, kann sinnvoll planen und disponieren.
Grundfahrzeuge im Rettungsdienst
| Fahrzeug | Abkürzung | Aufgabe | Besatzung |
|---|---|---|---|
| Rettungswagen | RTW | Transport und Behandlung von Notfallpatienten; Basis der präklinischen Versorgung | 2 Personen (NotSan + RS/RA) |
| Krankentransportwagen | KTW | Transport von nicht notfallmäßigen Patienten (liegend/sitzend) | 2 Personen (RS + RH) |
| Notarzteinsatzfahrzeug | NEF | Schneller Zubringer für den Notarzt; fährt oft als Rendezvous-System | Notarzt + Fahrer |
| Notarztwagen | NAW | Kombiniert RTW und NEF in einem Fahrzeug (seltener geworden) | Notarzt + RTW Besatzung |
Besondere Fahrzeuge und Ressourcen im Großschadenfall
Bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) reichen die regulären Rettungsmittel nicht aus. Hierfür werden besondere Ressourcen vorgehalten, eine bespielhafte Auflistung finden Sie hier:
| Ressource | Abkürzung | Inhalt / Zweck |
|---|---|---|
| Abrollbehälter MANV | AB-MANV | Materialcontainer für Massenversorgung; enthält u. a. Beatmungsgeräte (8 Stück), Verletztenversorgungssets (50 Stück), Medikamente und Infusionen |
| Gerätewagen Sanitätsdienst | GW-San | Ergänzendes Material für die Versorgung von 25 grünen/gelben Patienten; enthält Sanitätsrucksäcke (10 Stück inkl. Intubationsmöglichkeit) |
| Gerätewagen Rettungsdienst | GW-Rett | Individuelle Ausstattung je Gebietskörperschaft; keine Bundesnorm; ergänzt örtliche Besonderheiten |
| Rettungshubschrauber | RTH | Schneller Primärtransport; Einsatz besonders in ländlichen Gebieten oder bei schwierig erreichbaren Einsatzorten |
| Intensivtransporthubschrauber | ITH | Sekundärtransport von Intensivpatienten zwischen Krankenhäusern |
🔴 WICHTIG Der AB-MANV wird nicht vollständig ausgeliefert – die Gebietskörperschaften müssen ihn selbst ergänzen. Daher ist die tatsächliche Ausstattung von Ort zu Ort unterschiedlich. Informieren Sie sich vor Ihrem ersten Einsatz über die lokale Ausstattung! |
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1.4 Hilfsorganisationen und Katastrophenschutz
Im MANV-Fall arbeitet der Rettungsdienst nicht allein. Die deutschen Hilfsorganisationen und Katastrophenschutzeinheiten sind unverzichtbare Partner. Als OrgL oder LNA müssen Sie wissen, welche Einheiten Sie anfordern können und was diese leisten.
Die großen deutschen Hilfsorganisationen (HiOrg)
| Organisation | Abkürzung | Besonderheit |
|---|---|---|
| Deutsches Rotes Kreuz | DRK | Größte Hilfsorganisation Deutschlands |
| Malteser Hilfsdienst | MHD | Katholische Hilfsorganisation; stark in Sanitätsdienst und Betreuung |
| Johanniter-Unfall-Hilfe | JUH | Evangelische Hilfsorganisation; engagiert in Rettungsdienst und sozialem Dienst |
| Arbeiter-Samariter-Bund | ASB | Betreibt Rettungsdienst und soziale Dienste; nicht konfessionsgebunden |
| Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft | DLRG | Spezialist für Wasserrettung; wichtig bei Überschwemmungen und Badeseen; teils auch im Rettungsdienst beteiligt |
Die Einsatzeinheit NRW (EE NRW)
Die Einsatzeinheit NRW ist die zentrale Katastrophenschutzeinheit in Nordrhein-Westfalen. Sie ist modular aufgebaut und kann sowohl als Gesamteinheit als auch in einzelnen Teileinheiten eingesetzt werden.
Aufbau und Personalstärke:
Gesamtstärke: 33 Funktionen (1 Zugführer / 7 Gruppenführer / 25 Helfer = 1/7/25/33)
Zur Sicherstellung der Einsatzbereitschaft ist jede Funktion doppelt geplant
Abmarschbereitschaft: 60 Minuten nach Alarmierung
| Teileinheit | Abkürzung | Aufgabe |
|---|---|---|
| Teileinheit Führung | TE Fü | Leitung und Koordination der Gesamteinheit |
| Teileinheit Sanität | TE San | Sanitätsdienst; Versorgung von Verletzten und Erkrankten |
| Teileinheit Betreuung | TE Bt | Betreuung und psychosoziale Versorgung unverletzter Betroffener |
| Teileinheit Unterstützung | TE Ust | Logistik, Material, Versorgung der eigenen Einheit |
Schnell-Einsatz-Gruppen (SEG)
Schnell-Einsatz-Gruppen sind kleinere, bewegliche Einheiten der Hilfsorganisationen, die innerhalb kurzer Zeit alarmiert und eingesetzt werden können. Sie werden häufig als erste Verstärkung bei MANV-Lagen eingesetzt, bevor die größeren Katastrophenschutzeinheiten ankommen. Je nach Ausprägung gibt es SEG Sanitätsdienst, SEG Betreuung, SEG Transport und andere.
Sie müssen sich über die lokale Verfügbarkeit und die Leistungsfähigkeit von Schnell-Einsatz-Gruppen in ihrem Einsatzgebiet informieren.
Medizinische Task Forces (MTF)
Die Medizinischen Task Forces sind Bundeseinheiten des Bundes, die im Bevölkerungsschutz eingesetzt werden. Sie verfügen über eine hochwertige medizinische Ausstattung und sind insbesondere bei CBRN-Lagen (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear) oder bei sehr großen Schadenslagen einzusetzen. Die MTF werden durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) koordiniert. Es gibt bundesweit derzeit 61 MTF, jeweils bestehend aus 27 Fahrzeugen mit 138 Einsatzkräften.
Weitere wichtige Ressourcen der überörtlichen Hilfe in NRW
| Ressource | Abkürzung | Besonderheit |
|---|---|---|
| Patiententransportzug 10 NRW | PT-Z 10 NRW | Transportiert 10 Patienten gleichzeitig; ergänzt Rettungsdienst bei großen Lagen |
| Behandlungsplatz-Bereitschaft 50 NRW | BHP-B 50 NRW | Vorgeplante Einheit für Behandlung von 50 Patienten pro Stunde; benötigt 2x OrgL-Qualifikation |
| Betreuungsplatz-Bereitschaft 500 NRW | BTP-B 500 | Vorgeplante Einheit für die Betreuung von bis zu 500 Betroffenen |
| Überregionale MANV-Sofort | ÜMANV-S | 1 NEF, 2 RTW und 1 KTW oder RTW aus dem Regelbedarf (also schnell verfügbar) |
🟡 MERKSATZ SEG sind schnell – MTF sind träge. Beide ergänzen sich. Der OrgL koordiniert den Einsatz dieser Ressourcen. Je besser er deren Fähigkeiten kennt, desto effizienter kann er planen. |
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ZUSAMMENFASSUNG – KAPITEL 1 Das Wichtigste auf einen Blick:
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Lernfragen zur Selbstkontrolle
Beantworten Sie die folgenden Fragen, bevor Sie mit Kapitel 2 beginnen.
Was versteht man unter dem Subsidiaritätsprinzip in der Gefahrenabwehr? Geben Sie ein Beispiel aus dem Rettungsdienst.
Nennen Sie die drei wichtigsten Aufgaben der Ärztlichen Leitung Rettungsdienst (ÄLRD).
Welche vier Teileinheiten hat die Einsatzeinheit NRW? Was ist die Aufgabe jeder Teileinheit?
Ein AB-MANV enthält standardmäßig 8 Beatmungsgeräte. Was bedeutet das für die Planung bei einem MANV mit 15 beatmungspflichtigen Patienten?
Was ist der Unterschied zwischen SEG und MTF hinsichtlich Trägerschaft, Einsatzzeit und Kapazität?
KAPITEL 2
Rechtliche Grundlagen
LERNZIELE DIESES KAPITELS Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels wissen Sie:
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